"Der Fall Babel"

Der Turm Babel
Der Turm Babel

Im wirklichen Leben sind die Komponistin Elena Mendoza und der Regisseur Matthias Rebstock kein Paar, in den Sphären der Kunst schon, um genau zu sein, in der Welt des Musiktheaters. Vor gut einem Jahrzehnt begann diese Liaison. Damals war Udo Zimmermann noch Leiter des Europäischen Zentrums der Künste in Hellerau bei Dresden. Unter seiner Ägide wurden neuer Musik und neuem Musiktheater breiter Raum eingeräumt und hier wurden auch die Voraussetzungen geschaffen, ein Musiktheater unter neuartig erscheinenden Bedingungen zu produzieren: Niebla nach einer Novelle von Miguel de Unamuno.

Die Klangwelt von Elena Mendoza ist ebenso komplex wie sinnlich. Die Theatralisierung des Musikalischen zeigt sich oftmals darin, dass die Instrumentalisten agieren, so dass die Klänge mit ihnen im Raum wandern und dass Elena Mendoza auch darüber hinaus Konstellationen schafft, in denen die Musik an verschiedensten Punkten des Aufführungsraumes verortet werden kann.

Für die Schwetzinger SWR Festspiele 2019 haben sich Elena Mendoza und Matthias Rebstock einem ebenso alten wie aktuell brisanten Stoff zugewandt: dem Mythos um den Bau des Babylonischen Turms. Nachdem die Menschheit Gott mit dem Turmbau zu Babel herausgefordert hat, straft der sie mit Mehrsprachigkeit. Die einander nicht mehr verstehenden Menschen werden so daran gehindert, den Turmbau zu vollenden. Durch diesen Mythos, der nicht nur in der jüdisch-christlichen, sondern auch in der arabischen Tradition überliefert ist, wird als gottgegeben erklärt, dass ein vielstimmiges Zusammenleben in Anerkennung der Differenz nicht möglich sei. Demzufolge wäre das Wiederherstellen einer gleichsam vorhistorischen Einsprachigkeit Bedingung, um des verlorengegangenen paradiesischen Zustandes wieder teilhaftig zu werden. In der Realität aber haben sich durch die Menschheitsgeschichte hindurch gerade aus der Vorstellung von Einheit und Homogenität immer wieder die zerstörerischsten Ideologien entwickelt. Immer ging es dabei um die ›Wahrung‹ und ›Verteidigung‹ bestimmter kollektiver Identitäten, wofür Differentes ausgegrenzt, unterdrückt oder ausgemerzt werden sollte. Solche Tendenzen lassen sich gegenwärtig in vielfältigster Ausformung und in erschreckendem Ausmaß beobachten.

In Bioskoop der Nacht sucht eine japanisch-deutsche Frau nach der Sprache, in der sie träumt, erfährt, dass das Afrikaans sei und macht sich auf eine Reise nach Südafrika, das sie bislang ebenso wenig kannte wie diese Sprache. Dort besucht sie einen Sprachkurs, um Dolmetscherin in ihren eigenen Träumen sein zu können. Oder ist die gesamte Reise nur ein Traum?

Auch in dem zwischen Französisch und Deutsch changierenden Hörspiel "Avec un double V" geht es um eine Unterrichtssituation. In diesem Fall spielt sie kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Paris: Eine Deutschlehrerin, die aus Scham ihren deutschen Ursprung zu verbergen versucht, begegnet einer französisch-jüdischen Schülerin, die im Gymnasium "die Sprache des Feindes" lernen soll. Begleitet von den allegorischen Instanzen "Die Sprache", "Die Zeit" und "Der Tod" reisen wir durch die Gedankengänge und Träume beider Figuren.

Diese drei Erzählungen werden in "Der Fall Babel" miteinander verschränkt und simultan erzählt. Gemeinsame Motive und ähnliche Situationen bieten Möglichkeiten der Verknüpfung: In allen Erzählungen geht es um Übersetzen, in zweien begegnen uns Unterrichtssituationen, allen ist etwas Surreales zueigen. Die Geschichten münden in einen Albtraum, der zur Katastrophe führt. In einem Epilog blickt man – und nun kommt Morábitos Essay wieder ins Spiel – aus einer fernen Zukunft, aus der Vielfältigkeit und Kreativität verschwunden sind, zurück auf die untergegangene Gegenwart mit all ihren Widersprüchen und all ihrem damit unlösbar verbundenen kulturellen Reichtum.

Wie aber kann diese Verknüpfung dreier Erzählungen auf der Bühne praktische Umsetzung erfahren? Die Phantasie von Elena Mendoza und Matthias Rebstock entzündete sich dabei an dem von Fabio Morábito in Los Vetriccioli entworfenen Bild des Hauses der Übersetzerfamilie: "Entsprechend dieser Idee der labyrinthischen, unüberschaubaren Übersetzerwerkstatt ist die Bühne eine riesige 'Sprachmaschine': In jedem Winkel wird übersetzt, unterrichtet, geschrieben und gedruckt. Manuskripte wandern über komplizierte Wege, Förderbänder und Seilbahnen von Tisch zu Tisch, Nachschlagewerke werden umhergetragen und Tinte fließt durch ein weitverzweigtes Leitungssystem bis in den letzten Winkel. Diese Sprachmaschine ist gleichermaßen Bühnenbild und Klangraum: Der Klang der Aktionen und Objekte bildet das Basismaterial für die Komposition und mischt sich mit dem Gewirr der menschlichen Stimmen zu einem babylonischen Durcheinander, aus dem dann die einzelnen Szenen der verschiedenen Erzählstränge hervortreten." (Elena Mendoza, Matthias Rebstock)

- Jens Schubbe

 
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