DIKTATUREN

25 Jahre KlangForum Heidelberg

DIKTATUREN
DIKTATUREN

Das Festival "DIKTATUREN" widmet sich musikalisch in acht Uraufführungen einem gesellschaftspolitischen Thema, das leider zunehmend an Aktualität und Bedeutung gewinnt. Die Wirkung totalitärer Strukturen für Individuum und Gesellschaft hat sieben KomponistInnen aus verschiedenen Herkunftsländern zu neuen Werken angeregt. Die intensive Verbindung textgebundener vokaler und instrumentaler Kammermusik der Kompositionen bringen das Spannungsverhältnis zwischen Einzelschicksal und repressivem System musikalisch zum Ausdruck. Im Rahmen des Festivals vom 25.-29.10.2017 werden sie zum ersten Mal in Heidelberg erklingen – weitere Konzerte finden in New York, Basel sowie auf einer Kanada Tournee 2018 statt.

Die Kompositionen enthalten biographische sowie historische Bezüge und verarbeiten die eigene Betroffenheit von diktatorischen Verhältnissen: Dániel Péter Biró, in Budapest geborener Kosmopolit, kommentiert mit "Nulla res singularis" die Veränderung in seinem Heimatland, der Italiener Aureliano Cattaneo setzt sich in "Sasso nell' Oceano" mit dem Faschismus der 1930er Jahre auseinander. Mit seinem Werk "Zu Unrecht: Pamphlet" greift Alberto Hortigüela als Spanier die bislang letzte europäische Diktatur in seiner Heimat auf. Xilin Wang, heute einer der renommiertesten Komponisten der Volksrepublik China, erlebte in wechselnden politischen und kulturrevolutionären Verhältnissen immer wieder Repressionen. Seine Erfahrungen und Eindrücke vertont er in "Der Kampf dreier Köpfe im großen Kessel". Der türkische Komponist Mithatcan Öcal befasst sich in seinem Werk "Censored" mit der aktuellen politischen Problematik seines Landes. Alvaro Carlevaro aus Urugay erinnert mit "Beraubte Zeiten/ tiempos robados" an die Zeit der Diktatur in seiner Heimat.

Den Konflikt der individuellen moralischen Verpflichtung für den Widerstand und die Entscheidung gegen staatliche Unrechtssysteme thematisiert die deutsche Komponistin Karin Haußmann in ihrem Auftragswerk. Exemplarisch für das Schicksal aller Oppositionellen steht hier der historische Fall der Tübinger Studentin Elisabeth Käsemann: Ab 1968 in Argentinien sozial engagiert, war sie mit – seit dem Putsch vom März 1977 im Untergrund tätigen – Oppositionsgruppen in Kontakt. Käsemann wurde 1977 entführt, gefoltert und schließlich ermordet. Deutsche Behörden und Diplomaten ignorierten ihren Fall, auch um die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nicht zu stören. Haußmann hat mit "Fragment für E.K." einen intimen Zugang zu dem Thema gewählt und den Briefwechsel zwischen Elisabeth Käsemann und deren Eltern vertont.

Aus René Leibowitz' letzter Oper "Todos Caerán", angesiedelt in einem fiktiven lateinamerikanischen Milieu von Diktatur und Revolte, werden einzelne Szenen in einer von Cornelius Schwehr eigens angefertigten Kammerfassung uraufgeführt. Ludger Engels, Regisseur der halbszenischen Aufführung, wird zudem eine mehrteilige performative Themeninszenierung einbringen. Renommierte PolitikerInnen, JuristInnen und PolitologInnen sind am umfangreichen Festivalprogramm aus Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Lesungen beteiligt.

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