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Sternbild: Mensch VI

Nachleuchten

Stadtkirche Balingen

Sternbild: Mensch VI
Sternbild: Mensch VI

Die Konzertreihe Sternbild Mensch beschäftigt sich mit dem Weltall, sowohl mit dem aktuellen Wissensstand der Astronomie als auch mit den Rückwirkungen, die diese Erkenntnisse auf das Menschenbild haben. Oft genug ist unsere sinnliche Vorstellungskraft zum Scheitern verurteilt: Ob es um räumliche Distanzen, zeitliche Dauern, Temperaturen, Druck, Anziehungskraft oder Geschwindigkeit geht, die Anzahl der Nullen ist in jedem Falle erschlagend. Sogar der exklusive Status des Planeten Erde, als einziger Himmelskörper Leben zu ermöglichen, ist gänzlich zerstört. Stattdessen geht man von einer schier unendlichen Zahl erdähnlicher Planeten im All aus, einfach weil es so unermesslich groß ist.

Doch basiert unser Selbstbild als Menschen nicht immer noch auf dem längst widerlegten geozentrischen Weltbild, mit der Erde als Mittelpunkt des Universums und dem Menschen als der Krone der Schöpfung? Lassen unsere Sinneseindrücke, die sich ja auf der Erde tagtäglich bewähren, überhaupt ein anderes Lebensgefühl zu? Diesen Fragen gehen wir im abschließenden Teil der Sternbild-Konzertreihe nach. 

Der Text von Hanna Eimermachers Uraufführung Lady of Silence reflektiert die Ausgesetztheit des Erdenbewohners im Weltall:

„Ich stehe in mitten im gleissenden Licht,

ruhiger,

Mein Herz sanft und stark

Da ist so viel Licht

Da ist so viel Kraft“

Die SCHOLA HEIDELBERG wird dabei um das Publikum herum positioniert sein und es in einzelnen Abschnitten auch umkreisen – die Parallele zum geozentrischen Weltbild drängt sich auf. Auch in der deutschen Erstaufführung von Michael Pelzels La Luna wird das Publikum von den Gesangsstimmen umringt, allerdings mit einer klaren Ausrichtung nach vorne, zum Schlagzeug hin. Hier wird der titelgebende Mond als Zeuge besungen, der die nächtlichen Tränen der ganzen Menschheitsgeschichte aufgefangen hat und ihr damit den Spiegel vorhält. 

Das Entstehungsjahr von Johannes Ockeghems Intemerata Dei Mater ist unbekannt, die möglichen Datierungen reichen von 1450 bis 1490. Ebenso unbekannt ist auch der Verfasser des Textes, vielleicht war es sogar der Komponist selbst. Damals, vor der kopernikanischen Wende, war das geozentrische Weltbild noch intakt und die Jungfrau Maria im allgemeinen Bewusstsein eine reale Instanz, die man verzweifelt um Hilfe anflehen konnte. Auch wenn diese christliche Glaubensintensität manchen von uns Heutigen irritiert, brachte sie doch Musik von erlesener Schönheit hervor.

Gottfried Michael Koenigs Funktion Indigo (1969) für vierkanaliges Tonband gehört zu den großen Pionierleistungen der elektroakustischen Musik. Wir verneigen uns mit der Aufführung dieses Werks vor einem leider wenig bekannten Großmeister, der am 30. Dezember 2021 im Alter von 95 Jahren verstarb. Der beispielhafte Forscherdrang, der aus seiner Musik spricht, gereicht dem Sternbild Mensch zur Ehre.

Abgeschlossen wird das Programm vom bekannten Abendlied Der Mond ist aufgegangen. Matthias Claudius verbindet in seinem Gedicht christliche Demut mit einem neugierigen Staunen über naturwissenschaftliche Erkenntnisse: Die dritte Strophe 

„Seht Ihr den Mond dort stehen,

er ist nur halb zu sehen

und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen, 

die wir getrost belachen,

weil unsere Augen sie nicht sehn.“

bezieht sich möglicherweise nicht auf den Halbmond, sondern auf die Tatsache, dass der Mond uns immer dieselbe Seite zuwendet, es sich bei seiner Umlaufbahn um die Erde also um eine gebundene Rotation handelt.

Die Menschheit hat seit Claudius‘ Lebzeiten Unmengen von Sachen herausgefunden, die unsere Augen nicht sehen können. Es bleibt eine offene Frage, wie der Mensch damit umgeht. Eine neue Konzertreihe „Sternbild: Mensch“, sagen wir 2030, würde dazu bereits Beiträge liefern, die sich dem heutigen Vorstellungsvermögen völlig entziehen.