Sonnenschein am Boden
Sebastian Clarens Vokalmusik zwischen Ockeghem und Hölderin
Epiphanias Kirche Mannheim
Komposition:
- Sebastian Claren: Der Adler, für 8 Stimmen auf einen Text von Friedrich Hölderlin
- Sebastian Claren: bones stairs knife bells, für 8 Stimmen, 2021
Mitwirkende:
- Sarah Kuppinger — Sopran
- Julie Catherine — Mezzosopran
- Mercé Bruguera Abelló — Alt
- Barbara Ostertag — Alt
- Stephen Matthews — Tenor
- Philipp Nicklaus — Tenor
- Luciano Lodi — Bariton
- Florian Drexel — Bass
- SCHOLA HEIDELBERG
Leitung: Ekkehard Windrich
Veranstalter: KlangForum Heidelberg e.V.
Zwischen 2020 und 2021 komponierte Sebastian Claren zwei große Chorwerke für die SCHOLA HEIDELBERG. Obwohl sie sich in Klang und Konzept unterscheiden, sind beide Werke für dieselbe Besetzung geschrieben – zwei Soprane, zwei Altstimmen, zwei Tenöre und zwei Bässe – und haben einen gemeinsamen Bezugspunkt: das poetische und philosophische Vermächtnis von Friedrich Hölderlin (1770–1843), einem der visionärsten Schriftsteller Deutschlands, dessen Werk international bekannt ist und hoch geschätzt wird.
Das erste Stück, „Der Adler“, basiert auf drei Fragmenten aus Hölderlins späten Hymnenentwürfen. Diese Texte, die für ihre expressive Überfülle und syntaktische Brüche bekannt sind, waren Teil von Hölderlins Versuch, durch eine Form des epischen Gesangs eine neue poetische Sprache zu schaffen, blieben jedoch größtenteils unvollendet.
Abschnitten, in denen die Artikulation einzelner Wörter und Silben in den Mittelpunkt rückt, und flüchtigen tonalen Zitaten aus einem Chorwerk von Conradin Kreutzer aus dem 19. Jahrhundert. Diese Zitate, die von einem Komponisten stammen, der mit der konservativen Biedermeier-Zeit in Verbindung gebracht wird, werden bewusst der radikalen Poetik Hölderlins gegenübergestellt, um eine ideologische Kluft widerzuspiegeln. Auf diese Weise wird „Der Adler“ sowohl zu einer klanglichen Meditation über poetische Fragmentierung als auch zu einem Requiem für eine historische Epoche, in der revolutionäre künstlerische, philosophische und politische Bestrebungen einst vereint waren.
Das zweite Werk, „bones stairs knife bells“, ist inspiriert von „Hölderlin Hybrids“, einem Gedichtzyklus der deutsch-amerikanischen Autorin Rosmarie Waldrop, einer der einflussreichsten experimentellen Dichterinnen, die heute in englischer Sprache schreiben. In diesem Zyklus interpretiert Waldrop Hölderlins Gedichte aus einer Perspektive neu, die zugleich zeitgenössisch, feministisch und zutiefst persönlich ist. Meine Komposition spiegelt diesen hybriden Ansatz wider: Während sie auf die „Missa Mi-Mi“, eine Messvertonung des Renaissancekomponisten Johannes Ockeghem, Bezug nimmt, verwandelt die Musik dieses historische Material in einen vielschichtigen Dialog zwischen Tradition und Neuinterpretation. Im Gegensatz zu „Der Adler“, das durchgehend gesprochene Sprache einbezieht, ist „bones stairs knife bells“ vollständig gesungen – jedem Abschnitt geht jedoch ein gesprochener Text voraus, der die folgenden Worte einleitet. Diese formale Entscheidung schafft einen klaren Wechsel zwischen sprachlicher Darstellung und musikalischer Umsetzung, zwischen Sprache und Gesang.