Unabhängigkeit 1776–2026 ?
Betriebswerk Heidelberg
- Uraufführung — Joanne Metcalf: The Unfinished Dream, 2026
- Uraufführung — Stefan Litwin: Kakerlaken - Eine New York Studie, 2024/2025
Komposition:
- Charles Ives: In Flanders Fields, for voice and piano; from: Three Songs of the War, 1917
- Carl Philipp Emanuel Bach: Die neue Litanei
- Charles Ives: Tom Sails Away, for voice and piano; from: Three Songs of the War, 1919
- Charles Ives: He is There!, for solo voice, choir and instruments; from: Three Songs of the War, 30 May 1917
- Arnold Schönberg: My Horses Ain't Hungry, Appalachian Folk Song, set by Arnold Schoenberg and completed by Allen Anderson
Mitwirkende:
- Sarah M. Newman — Sopran
- Karera Fujita — Sopran
- Ingvill Statle Skjørten — Mezzosopran
- Barbara Ostertag — Alt
- Manuel König — Tenor
- Hubert Mayer — Tenor
- Luciano Lodi — Bariton
- Florian Drexel — Bass
- J. Marc Reichow — Pianist
- Boris Müller — Schlagwerk
- Adam Weisman — Schlagzeug
- SCHOLA HEIDELBERG
- Kooperationsensemble aisthesis & friends
Leitung: Ekkehard Windrich
Veranstalter: KlangForum Heidelberg e.V.
Der 250. Jahrestag der »Unanimous Declaration of the Thirteen United States of America«, der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung steht bevor - aber wie die mächtigste Nation der Erde zu diesem Zeitpunkt aussehen wird, liegt für uns im Dunklen.
Umso mehr lohnt ein Rückblick darauf, wie die USA zum Fluchtpunkt der europäischen Aufklärung werden konnten. Denn auch wenn Fragen von Geld und Macht selbstverständlich eine prominente Rolle für die Loslösung vom englischen Königreich gespielt haben, möchte die Unabhängigkeitserklärung vor allem das aufgeklärte Individuum im öffentlichen Raum und im politischen Entscheidungsgefüge verankern.
Solche Entfaltungsbestrebungen des Individuums sind typisch für das Europa des 18. Jahrhunderts und spiegeln sich auch im veränderten Verhältnis zur Religion wider. Carl Philipp Emanuel Bach wendet sich im Vorwort seiner »Neuen Litanei« (1786) gegen das zur Routine gewordene »Geplapper« religiöser Formeln und möchte durch für diese Zeit moderne Harmonik zu Erkenntnisgewinn beitragen.
Angesichts der eigenen Religionsgeschichte tut Europa gut daran, nicht arrogant über die US-amerikanische Ausprägung des Christentums hinwegzugehen, aller evangelikalen Auswüchse zum Trotz. Religion und ihre freie Ausübung gehören zum Kern der amerikanischen Demokratie und finden ihren bewussten Niederschlag nicht zuletzt in den jüngeren Werken der Amerikanerin Joanne Metcalf (Uraufführung).
Charles Ives ist zwar kein Unbekannter mehr, seine Bedeutung für die amerikanische Musikgeschichte und der künstlerische Reichtum seines Werkes werden jedoch immer noch unterschätzt. Im europäischen Musikbegriff verwurzelt, beschritt Ives in der Folge eigenständig neue Wege: seine kompositorisch mutigen und zukunftsweisenden Verfahren spiegeln auch die Ablösung von den Traditionen des alten Kontinents. Das eindrucksvolle Liedschaffen Ives‘ zeigt beides: die intime Kenntnis des europäischen Erbes und die selbstbewusste kulturelle Eigenständigkeit der USA.
Es ist eine spannende und spekulative Frage, wie sich die klassische Musikszene der USA nach Ives entwickelt hätte ohne den erzwungenen Zustrom der klügsten Köpfe nach 1933 – in diesem Zusammenhang erhält die Formulierung »Fluchtpunkt der europäischen Aufklärung« eine ganz neue Dimension. Der Einfluss Arnold Schönbergs, dessen Traditionalbearbeitung »My Horses Ain’t Hungry« - in europäischer Erstaufführung der von Allen Anderson nach den Skizzen vervollständigten Version - das Programm abschließt, ist auch in den USA bis heute zu spüren.
Stefan Litwin gibt in »Kakerlaken - New York Studie« (Uraufführung) einen bissigen, grimmig-optimistischen Ausblick auf die Zukunft. Der Text Uwe Johnsons über die allgegenwärtigen Kakerlaken als heimliche Herrscher New Yorks und ihre berüchtigte Überlebensfähigkeit wirkt wie eine ironische Metapher auf die Unverwüstlichkeit der amerikanischen Demokratie.
Man wird doch wohl noch hoffen dürfen.
Podcast "Unabhängigkeit – Abschnitt 1"
Einführung "Das Unvermeidliche"
Podcast "Unabhängigkeit – Abschnitt 2"
"C.P.E. Bach und die Aufklärung"
Podcast "Unabhängigkeit – Abschnitt 3"
"Joanne Metcalf und die unvollendeten USA"
Podcast "Unabhängigkeit – Abschnitt 4"
"Charles Ives und das Zulassen der Unterschiede"
Podcast "Unabhängigkeit – Abschnitt 5"
"Stefan Litwin und der kleinste gemeinsame Nenner"
Podcast "Unabhängigkeit – Abschnitt 6"
"Arnold Schönberg, Allen Anderson und ein Volkslied"
Weitere Informationen hier.
Vorwort zum [Heidelberger] Programmheft
Liebe BesucherInnen,
ein Konzertprogramm zu festlichem Anlass bedarf, gerade wenn es ausschließlich textgebundene Musik enthält, keiner umfänglichen Kommentare: es erklärt sich vielmehr [im Bezug] auf den gedruckten Text und seine musikalische Verlebendigung. Dabei stimmt gerade unser Anlass, das 250. Jubiläum der The unanimous Declaration of the thirteen united States of America oder Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung heute pessimistisch, was die Wirksamkeit von Text (!) angeht. Vielleicht aber erweist es sich als lehrreich, sind doch gesanglich ausgedrückte Worte das Gegenteil launischer Triebabfuhr und hündischer Markierung von Meinungsrevieren in Kurznachrichten ...
Im Umfeld und in der Realität von Kommunikation in Meinungsstrategien, fälschlich "sozial" genannt, wo jede "Erklärung" ihren mehr als 250 Jahre alten Wortsinn von Rationalität und Aufklärung verloren zu haben scheint, könnte die historische politische Konstellation der USA zu diesem Jubiläumszeitpunkt von „Unabhängigkeit“ ironisch anmuten. Manche Situationen aber - und besonders die Kommunikation in Netzwerken - erlauben keine Ironie. Die Verhältnisse ironisieren sich von Tag zu Tag selbst.
Ganz so erging es uns bei der mehrjährigen Vorbereitung eines immer aufrichtig und überzeugt geplanten Beitrags zum großen amerikanischen Jubiläum: mit der Unabhängigkeitserklärung als Fluchtpunkt gelesen, musste jede Nachrichtensendung und jede Zeitung zum Kommentar eines historischen (und historisch großen) Widerspruchs von Ideal und Realität werden.
Nicht zuletzt die zwei an diesem Wochenende zum ersten Mal aufgeführte Auftragswerke von Stefan Litwin und Joanne Metcalf, beide persönlich auf verschiedenste Weise biographisch mit den USA verbunden, tragen diesen Widerspruch in historischer Zwangsläufigkeit aus.
Die Zwangsläufigkeit von Geschichte aber spielt und offenbart sich in der Vergangenheit und im Rückblick: Ideale wie jene der Erklärung durch die Repräsentanten der Vereinigten Staaten von America, im General-Congreß versammlet und schon wenige Tage nach jenem 4. Juli 1776 für die zahlreichen deutschen Siedler (nicht nur) in Pennsylvania auch auf deutsch gedruckt, versprechen auch heute, für Gegenwart und Zukunft, Erklärung und Aufklärung. Weiß die Künstliche Intelligenzdas schon?
Jeder weitere Kommentar erübrigt sich an dieser Stelle auch deshalb, weil wir zum ersten Mal ausführlichere Gedanken zum Programm in einem mehrteilen Podcast teilen. [...]
Ekkehard Windrich und J. Marc Reichow sprechen dort mit Jule Hock, in deren Freiwilligem Sozialen Jahr beim KlangForum sich die amerikanische Unabhängigkeit jährt, Fragen zum Programm. Verbinden Sie diese Vorüberlegungen mit Ihren Hörerfahrungen – jedoch in Ruhe, sozial, aber nicht während des Konzerts!
Besonderer Dank gilt bei der Realisierung dieses Programms Eva Behr und den Musikfestspielen Saar, die unsere Überzeugung von der Idee des Programms von Beginn an geteilt und uns ermutigt haben. Auch den MusikerInnen und neuen Freunden im Kooperationsensemble aisthesis & friends sei gedankt - sowie nicht zuletzt der Manfred Lautenschläger-Stiftung in Heidelberg, ohne deren Hilfe der Traum vom musikalischen Unabhängigkeitsprogramm unvollendet hätte bleiben müssen.
Keep up the Spirit!
Ihr und Euer
KlangForum Heidelberg